„Die Bahn kommt.“

Dieser Werbeslogan der Deutschen Bahn lud in der Vergangenheit genervte Pendler im Hinblick einer Zugverspätung zu so manchem Wortspiel ein. Ab Januar 2019 wird man außerdem sagen können: „Die Bahn fährt voraus.“ Gemeint sind aber nicht Pünktlichkeit oder Unpünktlichkeit des Schienenverkehrs. Konkret geht es darum, dass der Staatskonzern ab nächstem Jahr plant, das Bewerbungsschreiben abzuschaffen – zunächst für Auszubildende. Denn gerade in diesem Bereich drückt der Schuh. Es fehlen vor allem Ingenieure und Lokführer. „Wir wollen es den Bewerbern so einfach wie möglich machen. Für Schüler ist so ein Motivationsschreiben schon schwierig“, sagte Carola Hennemann, Leiterin für Personalgewinnung in Baden-Württemberg, dem Online-Magazin t3n.de. Und nicht wenige angehende Auszubildende dürften diese Nachricht mit außerordentlichem Interesse verfolgt haben.

Schon in der Vergangenheit waren Gedanken führender HR-Köpfe zu vernehmen, die das Bewerbungsschreiben zumindest infrage stellten. Der Aufwand für Bewerber sei zu hoch, der Nutzen für Personaler zu gering. Und doch rief die Entscheidung der Deutschen Bahn, zukünftig darauf verzichten zu wollen, nicht nur Euphorie hervor. Interessanterweise reagierte gerade die Gruppe in den sozialen Netzwerken auf die Nachricht eher verhalten, die als potentielle Bewerber scheinbar am meisten von einem Wegfall des Bewerbungsschreibens profitieren würde: die Arbeitnehmer.

Bewerber und ihre Motivationsschreiben – ist das in Wirklichkeit eine verkannte Liebesehe, die nun akut von der Scheidung bedroht ist oder regiert hier vielleicht nur die Unsicherheit im Angesicht der Veränderung?

Seit Jahren wird über Digitalisierung diskutiert, über den drohenden Fachkräftemangel und darüber, dass es Unternehmen ihren Bewerbern so leicht wie möglich machen müssen, sich bei ihnen zu bewerben. Angesichts dessen stellt sich die Frage: Kann man als Bewerber auf der einen Seite einen mobil-optimierten Bewerbungsprozess fordern und auf der anderen Seite am Bewerbungsschreiben festhalten wollen? Oder konkreter: Welche Nachteile droht ein Verzicht auf das Schreiben für Bewerber mitzubringen?

Im Bestreben, Bewerbungsprozesse transparent, schnell und einfach zu gestalten, scheint es nur folgerichtig, alles auf die Probe zu stellen, was diesen Prozess ausbremst. Und das Bewerbungsschreiben stellt für viele potentielle Bewerber nun mal eine Hürde dar, welche die erste Kontaktaufnahme mit dem Unternehmen erschwert. Wieso sich durch ein Meer aus Standardfloskeln quälen, wenn die diagnostische Aussagekraft des Schreibens ohnehin zweifelhaft ist? Sowohl in einem ersten Gespräch am Telefon, als auch im klassischen Jobinterview, kann der Bewerber seine Motivation für die freie Stelle zum Ausdruck bringen. Wahrscheinlich sogar lebendiger und präziser als es im steifen Rahmen eines Bewerbungsschreibens gewesen wäre.

Man sollte auch nicht verwechseln: Dass das Bewerbungsschreiben als Voraussetzung wegfällt, hindert auch in Zukunft niemanden daran, ein umwerfendes Motivationsschreiben aufzusetzen, wenn er darin die Chance sieht, sich von anderen Bewerbern abzuheben.

Nicht nur die Bewerber, auch die Personalabteilungen könnten von einem Verzicht auf das Bewerbungsschreiben profitieren. Das gäbe Personalern die Freiheit, sich fernab von Floskeln und umständlichen Satzbaukonstruktionen mehr auf den persönlichen Kontakt mit den vielversprechendsten Kandidaten zu konzentrieren.

So mancher HR-Manager mag trotzdem der Ansicht sein, auf die wichtigen Informationen des Anschreibens nicht verzichten zu können. Dann steht es immer noch jedem frei, diese Informationen auf andere Weise vom Bewerber einzufordern. Wer sagt denn, dass ein ganzes Bewerbungsschreiben mit all seinen inhaltlichen Bausteinen nötig ist, wenn tatsächlich nur ein aktuelles Projekt des Bewerbers von besonderer Bedeutung ist? Denn es geht ja nicht nur krampfhaft um die Frage „Bewerbungsschreiben: ja oder nein?“, sondern vielmehr darum, offen zu sein für neue Bewerbungsprozesse in einer Arbeitswelt, die eben zukünftig andere Ansprüche stellt.

Natürlich werden nicht alle Unternehmen nächstes Jahr erdrutschartig ihre Bewerbungsprozesse über Bord werfen. Aber viele Personalabteilungen werden genau auf die Entwicklung bei der Deutschen Bahn schauen. Sollten dort die Ausbildungszahlen signifikant steigen, ist es gut möglich, dass bald noch mehr Unternehmen sagen: „Bye, bye, Bewerbungsschreiben!“