Fachkräftemangel und demografischer Wandel: Den Unternehmen steht ein hartes Tauziehen um qualifizierte Mitarbeiter bevor. Wer von der Konkurrenz nicht auf die Plätze verwiesen werden will, muss schleunigst umdenken – und Kandidaten wie VIPs hofieren.

Standardisierung mag für so manches Fast-Food-Restaurant ein zentrales Erfolgsrezept sein. Doch wen spricht man damit an? Gourmets sicher nicht. Daher gilt für Recruiter das genaue Gegenteil: Toptalente bevorzugen eine maßgeschneiderte Ansprache und Behandlung. Beschleicht einen Kandidaten schon zu Beginn des Bewerbungsprozesses das Gefühl, nur einer von vielen Adressaten eines Recruiters zu sein, sinkt sein Interesse rapide.

Richten Sie sich nach den individuellen Bedürfnissen

Wer die Topkandidaten gewinnen will, muss ihnen einen individuellen VIP-Status verleihen:

  1. Der erste Eindruck

Beschäftigen Sie sich noch vor der ersten Kontaktaufnahme intensiv mit dem Profil eines Bewerbers, um gezielt auf seine besonderen Wünsche und Bedürfnisse eingehen zu können. Nullachtfünfzehn-Fragen wie „Warum bewerben Sie sich gerade bei uns?“ oder „Was sind Ihre Stärken?“ signalisieren Fantasielosigkeit und Desinteresse.

  1. Kontakt halten

Läuft eine Bewerbung, tun Sie gut daran, einen Kandidaten regelmäßig in jeder Phase des Prozesses über den aktuellen Stand auf dem Laufenden zu halten – ob per E-Mail oder telefonisch. Dabei sollten Massenanschreiben und stereotype Redewendungen gänzlich tabu sein.

  1. Individuelle Bedürfnisse

Auch bei den Vertragsbedingungen sollten Sie Standards tunlichst vermeiden. Dies gilt für die Höhe des Gehalts ebenso wie für Weiterbildungsmöglichkeiten, Arbeitszeitmodelle und Führungsprinzipien. Schnüren Sie für jeden Kandidaten ein Angebotspaket, das seinem individuellen Karrierehunger, seiner Familienplanung und seinem Bedürfnis nach betrieblicher Mitbestimmung entspricht.

  1. Sinnhaftigkeit

Bieten Sie jedem Neueinsteiger Transparenz über die Strategien, Visionen und Ziele Ihres Unternehmens sowie über die Rolle, die er oder sie bei der Umsetzung spielen soll. Ansonsten kommt leicht das Gefühl auf, nur ein Rädchen im Getriebe ohne nennenswerte Einflussmöglichkeiten auf die Firmenentwicklung zu sein.

Der Kandidat hat das letzte Wort

Je eher Sie Ihre Bewerber als VIPs behandeln, desto schneller werden Sie davon profitieren. Ein Beispiel aus meiner Praxis liefert ein IT-Sicherheitsspezialist. Er hatte einen Kandidaten identifiziert, den er unbedingt für sich gewinnen wollte. Als es um das Thema Anwesenheit ging, wäre der Deal beinahe gekippt: Während das Unternehmen den Kandidaten an vier Tagen wöchentlich zum Kunden schicken wollte, hatte dieser stattdessen die Vorstellung, an zwei Tagen in der Woche im Homeoffice zu arbeiten. Das Unternehmen zog es vor, dieser Bedingung zuzustimmen, statt den hochqualifizierten Sicherheitsexperten ziehen zu lassen.

Das Beispiel zeigt: Wer noch immer meint, im Recruiting das letzte Wort zu haben, verkennt, dass sich der klassische Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt entwickelt hat. Die Entscheidung, ob ein Interessent eine neue Stelle antritt, liegt nicht mehr beim Unternehmen, sondern beim Kandidaten. Und der will als VIP umworben werden.