Hand aufs Herz: Wen würden Sie einstellen? Einen 34-jährigen motivierten Bewerber, der schnell lernt und neue Ideen mitbringt – oder einen Kandidaten jenseits der 55 mit mehreren Jahrzehnten Arbeit auf dem Buckel?

Die Zahl der älteren Arbeitnehmer steigt: Zum einen wegen des demografischen Wandels und zum anderen, weil sie immer später in Rente gehen. Suchen Menschen über 55 eine neue Stelle, haben sie aber vergleichsweise schlechte Chancen. Ältere Menschen lernen langsamer, sind nicht mehr so leistungsfähig wie jüngere Kollegen und können sich nur mühsam in neue Arbeitsabläufe und Programme einfinden – soweit die Vorurteile.

Doch denken Sie bitte daran: Die jüngeren Mitarbeiter arbeiten mehr – die älteren kennen jedoch die Abkürzungen, da sie viel erfahrener sind. Möchten Sie auf dieses Wissen und diese Erfahrungen verzichten?

Aus diesem Grund sollten Sie Ihre Recruiting-Strategie bzgl. des Alters von neuen Mitarbeitern grundsätzlich überdenken. Denn eines ist sicher: Der 61-jährige Kollege wird Sie nicht nach zwei Jahren verlassen, da ihm ein anderes Unternehmen ein paar Euro mehr geboten hat. Die Chance, dass Ihnen dieser Mitarbeiter loyal die nächsten sieben Jahre zur Seite steht, liegt in einem sehr hohen Prozentbereich.

Deshalb sollten Sie keinem Interessenten aufgrund seines Alters absagen. Ganz im Gegenteil – ich empfehle Ihnen die Zusammenarbeit aus folgenden Gründen:

  1. Das bestätigt eine Studie aus der Schweiz: Die befragten Personalfachleute gaben an, dass sie bei Bewerbern 50plus vor allem die Lebenserfahrung, die erworbenen Branchen-, Fach- und Spezialkenntnisse sowie eine stete und gezielte Weiterbildung schätzen. Je nach Qualifikation und Hierarchiestufe kann es aber auch von Vorteil sein, wenn ein 50plus-Bewerber seinem künftigen Arbeitgeber eine gewisse Flexibilität im Hinblick auf seine Lohnvorstellungen und seine künftige Tätigkeit signalisiert.
  2. Doch das sind nicht die einzigen Gründe, die für die Beschäftigung älterer Mitarbeiter sprechen. Es geht auch um Diversity im Unternehmen. Der Diversity-Ansatz besagt, dass Teams dann besonders erfolgreich sind, wenn sie aus unterschiedlichen Persönlichkeiten, Kulturen und Altersklassen zusammengesetzt sind. Das gilt auch für den Kontakt nach außen, zu Kunden und Geschäftspartnern: Ein älterer Bankkunde fühlt sich von einem älteren Berater besser verstanden als von jemandem, der 30 oder 40 Jahre jünger ist als er. Ganz ähnlich ist die Situation in vielen anderen Beratungs- und Dienstleistungsbereichen.
  3. Mitarbeiter ab 50 Jahren verfügen über Erfahrung, langjährig gepflegte Netzwerke, Disziplin und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – Eigenschaften, die den jüngeren Arbeitnehmern zumeist noch fehlen. Ältere Mitarbeiter haben die Familienplanung inzwischen abgeschlossen. Und ihre Lernbereitschaft, Flexibilität und die Fähigkeit, mit modernen IT- und Kommunikationsmedien umzugehen, sind oftmals viel stärker ausgeprägt als allgemein angenommen. Auch das Vorurteil, mit zunehmendem Alter stiegen die krankheitsbedingten Fehlzeiten, wurde inzwischen statistisch widerlegt.

97 Prozent der älteren Mitarbeiter scheinen motiviert

Eine neue Studie zeigt jetzt auch: Die meisten Unternehmen machen gute Erfahrungen, wenn sie ältere Bewerber eingestellt haben. In einer Studie wurden nun Unternehmen gefragt, wie zufrieden sie waren, wenn sie auf „alte Hasen statt auf Jungspunde“ gesetzt haben.

Das Ergebnis: Fast alle Unternehmen, die im letzten Jahr Mitarbeiter über 50 eingestellt hatten, waren zufrieden mit ihrer Wahl. Zwar hatte sich jeder fünfte Chef ursprünglich jüngere Mitarbeiter gewünscht, doch letztendlich störte sie das Alter nicht: 97% der Betriebe gaben an, dass die älteren Mitarbeiter motiviert sind. Fast genauso viele berichteten, dass die Älteren sorgfältig arbeiten, sich ins Team integriert haben und ihre Erfahrungen einbringen konnten. Nur jeder vierte der älteren Angestellten musste länger eingearbeitet werden. Die Befürchtung, dass ältere Mitarbeiter häufiger krank werden, wurde nicht bestätigt: Nur 14% der Betriebe berichteten von häufigen Fehlzeiten der neuen Kollegen.

Fazit

Wer es sich leisten kann, der berücksichtigt wohl keine Mitarbeiter ab 55 Jahren beim Einstellungsverfahren für offene Positionen. Jedoch ich empfehle Ihnen, genau das Potenzial dieser großen „Randgruppe“ zu nutzen und bewusst zu adressieren. Somit erweitern Sie Ihren Suchradius um eine Vielzahl an Menschen, die wertvolle Erfahrungen mitbringen. Auf geht‘s, trauen Sie sich!

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Frank Rechsteiner
Frank Rechsteiner ist Inhaber der Hype Group, die auf Executive Recruiting und Strategieberatung für IT-Unternehmen spezialisiert ist. Zuvor hatte er langjährige Führungspositionen bei internationalen IT-Anbietern inne. Mit regelmäßigen Umfragen und Studien ermittelt er Trends im IT-Arbeits- und IT-Bewerbermarkt. Er schreibt als Autor für den Springer Gabler Verlag, zuletzt 2017 das Fachbuch „Kulturbasiertes IT-Recruiting“, und publiziert laufend Beiträge in den Wirtschafts-, IT-Fach- und sozialen Medien.

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